Dee Dee Bridgewater bricht eine Lanze für Frauen im Jazz
3 ott 2022
Tempo di lettura: 5 min
Aggiornamento: 26 ago
Ein exklusives Interview mit der Jazzlegende Dee Dee Bridgewater über Musik, Gleichberechtigung und die Stärkung von Frauen im Jazz.

«Ich finde, es liegt in unserer Verantwortung, eine Kultur mitzugestalten, die Frauen willkommen heisst, sie fördert und ihre Leistungen sichtbar macht. Denn sie haben diese einzigartige Kunstform immer mitgeprägt und tun es bis heute.»
Sie gilt als eine der bedeutendsten Jazzsängerinnen unserer Zeit und steht in der Tradition von Ella Fitzgerald und Billie Holiday. Beiden widmete sie vielbeachtete Alben: Dear Ella (1998) und Eleanora Fagan (1915–1959): To Billie with Love from Dee Dee Bridgewater (2010), für die sie insgesamt drei Grammy Awards erhielt.
Im Laufe ihrer aussergewöhnlichen Karriere stand Dee Dee Bridgewater mit Künstlern wie Thad Jones, Mel Lewis, Dexter Gordon, Dizzy Gillespie, Max Roach, Sonny Rollins und Ray Charles auf der Bühne und feierte zugleich Erfolge in renommierten Musical- und Theaterproduktionen.
Seit vielen Jahren arbeitet sie mit dem New Orleans Jazz Orchestra zusammen. Am 2. Juli 2022 stand sie – sieben Jahre nach ihrem ersten Auftritt – beim JazzAscona im Tessin erneut gemeinsam mit dem New Orleans Jazz Orchestra auf der Bühne.
Im Gespräch mit Dee Dee Bridgewater begegnete ich einer ebenso reflektierten wie entschlossenen Künstlerin, die es versteht, Wut in kreative Energie zu verwandeln – im Einsatz für eine gerechtere Welt, nicht zuletzt in der Musikbranche. Im Mittelpunkt unseres Gesprächs stand dabei ein Thema, das aktueller denn je ist: die Gleichstellung der Geschlechter.

Dee Dee, als du 2015 zum ersten Mal beim JazzAscona aufgetreten bist, entstand eine besondere Verbindung zu Ascona. Was ist dir von damals besonders in Erinnerung geblieben – und worauf freust du dich bei deiner Rückkehr?
In Ascona habe ich viele wunderbare Musikerinnen und Musiker kennengelernt. Daraus sind Freundschaften und künstlerische Zusammenarbeit entstanden, die bis heute bestehen. Dieser kreative Austausch hat mir unglaublich viel gegeben. Mein einziges Bedauern ist, dass ich damals kaum Zeit hatte, Ascona selbst zu entdecken. Hoffentlich kann ich das diesmal nachholen!
Du bist mit dem New Orleans Jazz Orchestra auf Tournee. Wie begann diese Zusammenarbeit?
Alles begann mit Irvin Mayfield, dem Gründer und damaligen künstlerischen Leiter des Orchesters. Über mehrere Jahre hinweg habe ich ihn dabei unterstützt, dem New Orleans Jazz Orchestra international noch mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. Aus dieser Zusammenarbeit entstand auch eine gemeinsame Aufnahme, bevor ich mich aus dem Projekt zurückzog. (...) Mit Adonis Rose als neuem künstlerischen Leiter habe ich mich dann entschieden zurückzukehren. Umso mehr freue ich mich, jetzt wieder gemeinsam mit dem New Orleans Jazz Orchestra auf Tournee zu sein.
«Ich stehe seit vielen Jahren auf der Bühne – in einer Musikbranche, die nach wie vor stark von Männern geprägt ist. Ungerechtigkeit kann ich nicht ertragen. Und ja, sie macht mich wütend.»
Du hast dich nie auf ein einziges musikalisches Genre festlegen lassen. Ganz gleich, in welchem musikalischen Umfeld du dich bewegst – du scheinst dich jeder Form von Schubladendenken zu entziehen.
Ich glaube nicht, dass irgendjemand gerne in eine Schublade gesteckt wird. Inzwischen habe ich aber meinen Frieden damit gemacht, als Jazzsängerin bezeichnet zu werden. Das ist für mich in Ordnung, auch wenn meine musikalischen Interessen weit darüber hinausgehen und mich immer wieder in neue Richtungen führen. Dass selbst mein letztes Album Memphis... Yes, I'm Ready aus dem Jahr 2017 erneut der Kategorie Jazz zugeordnet wurde, bringt mich eher zum Schmunzeln.
Zurzeit arbeite ich an einem Musical für den Broadway und überlege, ein zweites Projekt anzunehmen, das mir angeboten wurde. Ich stehe seit vielen Jahren auf der Bühne – in einer Musikbranche, die nach wie vor stark von Männern geprägt ist. Ungerechtigkeit kann ich nicht ertragen. Und ja, sie macht mich wütend. An diesem Punkt meiner Karriere möchte ich meine Energie lieber dort einsetzen, wo ich etwas bewegen kann.
Sprichst du von deinem Mentoring-Programm für Frauen im Jazz?
Genau. Ich finde, es liegt in unserer Verantwortung, eine Kultur mitzugestalten, die Frauen willkommen heisst, sie fördert und ihre Leistungen sichtbar macht. Denn sie haben diese einzigartige Kunstform immer mitgeprägt und tun es bis heute.
Das Woodshed Network haben wir vor drei Jahren ohne grosses Aufsehen gegründet. Ich habe meinen Namen nie dazu benutzt, alles hinauszuposaunen, was ich tue. Dass das Programm heute so erfolgreich ist, verdankt es vor allem der Mundpropaganda. Es richtet sich an Jazzmusikerinnen und begleitet sie ein Jahr lang auf ihrem beruflichen Weg. Ziel ist es, ihnen das nötige Selbstvertrauen und die Werkzeuge mitzugeben, um sich in der Musikbranche erfolgreich zu behaupten. Für viele Teilnehmerinnen war das bereits der entscheidende Schritt zu spannenden Projekten oder zu einem festen Platz in einer Band.
«Wir werden nicht aufhören, bis Frauen auf der Bühne die Norm sind.»
An diesem Projekt arbeitest du gemeinsam mit deiner Tochter Tulani Bridgewater-Kowalski. Kann man sagen, dass ihr damit auch ein Vermächtnis für die nächste Generation von Jazzmusikerinnen schafft?
Ja, absolut. Tulani und ich verfolgen dasselbe Ziel: Wir wollen nachhaltige Veränderungen bewirken. Wir müssen bestehende Denkmuster aufbrechen, und wir werden nicht aufhören, bis Frauen auf der Bühne keine Ausnahme mehr sind, sondern selbstverständlich dazugehören.
Wenn ich mit einem Quintett oder Sextett auftrete, das ausschliesslich aus Frauen besteht, reagieren Veranstalter oft überrascht und fragen mich, warum ich sie nicht vorher gewarnt habe. Gewarnt! Ich antworte dann immer: «Warum sollte ich?»
Allein die Tatsache, dass diese Frage überhaupt gestellt wird, zeigt, wie viel noch zu tun bleibt. Kurz gesagt, Martina: Wir haben noch einen langen Weg vor uns.

Martina Knecht
Ascona, Juli 2022
Text © Martina Knecht
Fotos: Gioele Pozzi, © JazzAscona, 2022

Das Interview mit Dee Dee Bridgewater erschien erstmals am 1. Juli 2022 in deutscher und italienischer Sprache in der Tessiner Presse.
Das Pressebüro des Festivals war im Collegio Papio in Ascona untergebracht, einen Stock über dem Proberaum des Orchesters. Draussen hatte ein Sommergewitter das historische Gebäude in Halbdunkel getaucht. Hinter den geschlossenen Fensterläden der leeren Klassenzimmer breitete sich die Musik durch die Gänge aus – kraftvoll, beinahe körperlich spürbar. Für einige Stunden schien sie das Gebäude zu verwandeln: Die Schule war leer, doch ihre Räume waren ganz vom Klang erfüllt.
Swiss Hypertext
Redaktionelle Arbeit zwischen Sprache, Kultur und Design.

