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The Dead South: Bluegrass in der Besetzung, Punk in der Haltung

1. Aug. 2022
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 26. Aug.

Martina Knecht spricht mit Colton Crawford von The Dead South über Bluegrass und Punk, die Weite Saskatchewans und einen Erfolg, mit dem die Band selbst nicht gerechnet hatte.


Scott Pringle, Nate Hilts und Danny Kenyon von The Dead South bei ihrer Ankunft in Ascona am Tag des Konzerts. Der Verlockung des kühlen Lago Maggiore konnten sie nicht widerstehen.
Scott Pringle, Nate Hilts und Danny Kenyon von The Dead South bei ihrer Ankunft in Ascona am Tag des Konzerts. Der Verlockung des kühlen Lago Maggiore konnten sie nicht widerstehen.



«Von der Besetzung her sind wir eine Bluegrass-Band. Aber in der Art, wie wir Songs schreiben und auftreten, fühlen wir uns eher wie eine Punk- oder Rockband.»


Als The Dead South am 27. Juni 2022 bei JazzAscona auftraten, brachten sie eine Besetzung mit, die auf den ersten Blick fest in der Bluegrass-Tradition verankert schien: Gitarre, Mandoline, Cello und Banjo. Doch die Instrumente erzählen nur einen Teil der Geschichte. Die vier kanadischen Musiker sind mit Punk, Rock und Metal aufgewachsen und haben aus dieser ungewöhnlichen Verbindung einen Sound entwickelt, der sich nicht ohne Weiteres einem Genre zuordnen lässt.


The Dead South stammen aus Regina in der kanadischen Provinz Saskatchewan und hatten vor allem mit In Hell I’ll Be in Good Company ein internationales Publikum erreicht. Das Video zum Song aus ihrem Debütalbum Good Company verbreitete sich ab 2016 rasant im Netz. Eine Band, die eher beiläufig unter Freunden entstanden war, wurde plötzlich weit über die Bluegrass-Szene hinaus bekannt.


Vor dem Konzert auf der New-Orleans-Bühne von JazzAscona interviewte ich Colton Crawford, den Banjo-Spieler der Band. Wir sprachen über Bluegrass und Punk, über die endlosen Ebenen Saskatchewans und darüber, was geschieht, wenn ein Video plötzlich viral geht. Dabei erzählt Crawford auch von einer Band, deren Identität sich entwickelte, ohne dass sie je als Konzept entworfen worden wäre: vier Instrumente, die gerade zur Hand waren, ein Name, der kurz vor dem ersten Konzert gefunden wurde – und die Beharrlichkeit, daraus etwas Eigenes zu machen.






Ein Name in letzter Minute


The Dead South ist ein Name, der sofort bestimmte Assoziationen weckt. Wie ist er entstanden?


Wir hatten damals einen Schlagzeuger in der Band, und er schlug den Namen The Dead Souths vor. Uns gefiel aber nicht, wie der Plural Souths klang, also strichen wir das s. Der Name schien zu unserer Musik zu passen und blieb.


Wir standen kurz vor unserem ersten Konzert im Lokal einiger Freunde und hatten noch immer keinen Namen. Wir mussten uns also schnell etwas einfallen lassen. Dabei kam dieser Name heraus – und irgendwie ist er geblieben.






Bluegrass – zumindest bei den Instrumenten


Was bedeutet Bluegrass für euch, und was werdet ihr in Ascona auf die Bühne bringen?


Wir sind überhaupt keine traditionelle Bluegrass-Band. Nach Ascona bringen wir unsere eigene Version davon mit, vermischt mit Punk-, Rock- und Metal-Einflüssen – der Musik, mit der wir aufgewachsen sind.


Von der Besetzung her sind wir eine Bluegrass-Band. Aber in der Art, wie wir Songs schreiben und auftreten, fühlen wir uns eher wie eine Punk- oder Rockband. Das ändert nichts an unserer Liebe zum Bluegrass, vor allem zu seinem erzählerischen Element. Das findet sich auch in unserer Musik wieder.



Euer Sound basiert auf einer ungewöhnlichen Kombination aus Cello, Mandoline, Banjo und Gitarre. Wie ist diese Besetzung entstanden?


Ich hatte gerade angefangen, Banjo zu lernen, und Nate begann zu singen und Songs auf der akustischen Gitarre zu schreiben. Danny spielte schon immer Cello, während Scott noch nie eine Mandoline in der Hand gehabt hatte, bevor er zur Band kam.


Im Grunde waren das einfach die Instrumente, die wir zur Verfügung hatten. Also spielten wir damit. Wir hatten nicht vor, eine Bluegrass-Band zu gründen. Wir dachten nicht einmal daran, Alben aufzunehmen oder Konzerte zu spielen. Wir waren einfach Freunde, die zusammen herumhingen und zum Spass Musik machten.

Wie bei unserem Namen funktionierte es einfach. Also machten wir weiter, lernten unsere vier Instrumente immer besser kennen und fanden nach und nach heraus, was wir damit machen konnten.



«Bei uns zu Hause ist die Landschaft so flach, dass wir scherzen, man könne seinem weglaufenden Hund drei Tage lang nachschauen. Und es stimmt.»





Von Saskatchewan an den Lago Maggiore


Ihr kommt aus Regina in Saskatchewan. Wie würdest du eure Heimat jemandem beschreiben, der noch nie in diesem Teil Kanadas war?


Es ist unglaublich flach: Weizen- und Rapsfelder, so weit das Auge reicht. Wir scherzen, dass man seinem weglaufenden Hund drei Tage lang nachschauen kann. Und es stimmt.


Das Motto der Provinz lautet Land of the Living Skies, «Land der lebendigen Himmel». Man sieht bis zum Horizont, und der Himmel bietet unglaubliche Szenerien. Regina ist eine Stadt mit etwa 300'000 Einwohnern, ein sehr ruhiger Ort. Nach einer Welttournee ist es schön, dorthin zurückzukehren und das Tempo wieder etwas herunterzufahren.





Zwischen Tournee und Songwriting


Diesen Sommer spielt ihr Dutzende Konzerte in Europa und den USA, und euer Kalender ist bis 2023 voll. Gleichzeitig habt ihr gerade das Doppelalbum Easy Listening for Jerks veröffentlicht. Wie bringt ihr Tourneen und das Schreiben neuer Musik zusammen?


Dieses Jahr waren wir vor allem auf Tour und haben nicht viel neues Material geschrieben. Anfang 2023 werden wir ein paar Monate Pause haben und können uns wieder zusammensetzen und schreiben.


Unterwegs ist es generell ziemlich schwierig, Songs zu schreiben. Auf Tour konzentrieren wir uns deshalb auf die Konzerte und auf die Stücke, die wir bereits kennen. Wenn wir wieder zu Hause sind, setzen wir uns zusammen und fangen wieder an zu schreiben.



«Wir versuchen, die Welle zu reiten, solange wir können – und schauen, wie weit sie uns trägt.»





Wenn ein Video alles verändert


Eure Videos wurden Hunderte Millionen Mal angesehen, und ihr habt inzwischen ein riesiges Publikum. Was ist mit In Hell I’ll Be in Good Company passiert?


Wir hatten Glück. Jemand stellte das Video zu In Hell I’ll Be in Good Company auf Reddit, und von da an ging es durch die Decke. Es brachte uns Millionen von Aufrufen auf YouTube und machte uns sehr viel bekannter.


Das war unser «grosser Durchbruch», wenn man so will. Es ist ziemlich unglaublich, dass das passiert ist. Wir hatten mit nichts davon gerechnet. Also versuchen wir einfach, die Welle zu reiten, solange wir können – und schauen, wie weit sie uns trägt.



«Beständigkeit ist der wichtigste Faktor für Erfolg.»


Machen, weitermachen, sich abheben

Welchen Rat würdest du jungen Musikerinnen und Musikern geben, die ihren Platz in der Musikindustrie finden wollen?


Proben, proben, proben. Übe ständig, spiel deine Songs immer wieder. Wenn du live spielen willst, dann spiel so oft wie möglich. Wenn du aufnehmen willst, dann nimm so viel wie möglich auf. Sei da und mach deine Arbeit.


Für mich ist Beständigkeit der wichtigste Faktor für Erfolg. Denk nicht zu viel darüber nach, mach es einfach. Und sei geduldig.


Und noch etwas: Versuch, etwas zu finden, das dich von anderen unterscheidet. Bei uns sind es die Kleidung und die Tanzschritte. Wer das Video zu In Hell oder auch nur ein Foto von uns gesehen hat, weiss, wer wir sind. Etwas zu haben, das einen sofort erkennbar macht, ist sehr wichtig.



Martina Knecht

Ascona, Juni 2022

Text © Martina Knecht

Fotos: Gioele Pozzi, © JazzAscona, 2022

Die Autorin dankt Emily Smart, Luca Martinelli und JazzAscona, die dieses Treffen ermöglicht haben.





Weiterführende Informationen



Video-Portrait von The Dead South

Ein Beitrag von Riccardo Galli für die Radiotelevisione svizzera di lingua italiana (RSI) in Zusammenarbeit mit dem Conservatorio Internazionale di Scienze Audiovisive (CISA) in Locarno.


Publikation

Das Interview von Martina Knecht mit Colton Crawford erschien am 26. Juni 2022 in italienischer Übersetzung von Luca Martinelli in der Tessiner Presse.


Originalinterview

Die englische Fassung des Gesprächs mit Colton Crawford.





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Martina Knecht

Redaktionelle Arbeit zwischen Sprache, Kultur und Design.




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