Was wir weitergeben
6. Juli 2022
6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Aug.
Ein Gespräch von Martina Knecht mit Sean Ardoin über kreolische Musik, familiäre Erinnerung und die Frage, wie eine Tradition lebendig bleibt.
Als ich Sean Ardoin im Sommer 2022 in Ascona traf, war er mit seinem Sohn Sean David auf Tournee. Dieses Detail ist mir in Erinnerung geblieben. Hinter ihnen lagen mehrere Generationen von Musikern; zwischen ihnen wurde eine musikalische Tradition bereits an die nächste Generation weitergegeben.
Ardoin stammt aus einer der bekanntesten kreolischen Musikerfamilien Louisianas. Sein Grossvater Alphonse «Bois Sec» Ardoin war ein einflussreicher Akkordeonist; sein Vater Lawrence «Black» Ardoin führte die Tradition weiter; sein Bruder Chris wurde zu einer prägenden Figur des zeitgenössischen Zydeco. Zur Familiengeschichte gehört auch Amédé Ardoin, ein Cousin ersten Grades von Bois Sec und eine Schlüsselfigur der kreolischen Musik des 20. Jahrhunderts.
Sean Ardoin hat seinen eigenen Weg gewählt. Er nennt seine Musik Kreole Rock and Soul: eine musikalische Sprache, in der kreolische Wurzeln auf Rock, R&B und Soul treffen. Als wir miteinander sprachen, hatte er bereits drei Grammy-Nominierungen erhalten. Zwei weitere sollten in den folgenden Jahren hinzukommen.
Doch an jenem Nachmittag in einem gemütlichen Innenhof in der Altstadt von Ascona kehrte unser Gespräch immer wieder zu einer grundlegenderen Frage zurück: Was geschieht mit einer Tradition, wenn sie von einer Generation an die nächste weitergegeben wird?
Du stammst aus einer Familie, deren Musikgeschichte sich über mehrere Generationen erstreckt, und bist nun mit deinem Sohn Sean David auf Tournee. Du hast etwas übernommen und gibst es weiter. Warum ist es für dich wichtig, diese Tradition lebendig zu halten?
Es ist enorm wichtig, ein Vermächtnis weiterzuführen, denn daran erinnert sich die Geschichte. Wenn du die Musik nicht aktiv erhältst, pflegst und voranbringst, dann lässt du die nächste Generation, die kommenden Generationen, im Stich. Denn diejenigen vor uns haben es getan.
Für mich ist es wichtig, dass kreolische Musik international präsent bleibt. Was immer ich dafür tun kann, das tue ich.
«Denn diejenigen vor uns haben es getan.»
Der Musik einen eigenen Namen geben
Du nennst deine Musik Kreole Rock and Soul, ein Genre, das du selbst geschaffen hast. Warum war es dir wichtig, ihr einen eigenen Namen zu geben?
Ich komme aus der kreolischen Musik und von dort zum Zydeco. Zydeco wird zunehmend zu einer unspezifischen, allgemeinen Kategorie, ähnlich wie der Blues. Heute spielen Menschen Zydeco, die nicht aus dieser Kultur, nicht aus diesen Wurzeln kommen.
Um meine eigene Richtung und meinen Einfluss zu bewahren, habe ich deshalb mein eigenes Genre geschaffen: Kreole Rock and Soul. So kann ich meine Kreativität voll ausleben, ohne dass jemand sagt: «Das kannst du nicht machen.»
Gleichzeitig mache ich die kreolische Kultur sichtbar, zu der Zydeco gehört. Für uns Kreolen in Louisiana ist das die Musik, die wir lieben. Meine klingt ein wenig anders, aber wenn du das Authentische erleben willst, musst du in den Südwesten Louisianas gehen.
Was in einem Namen steckt
Du bist damit aufgewachsen, diese Musik French music oder lala music zu nennen. Was bedeutet Zydeco also für dich?
Mein Vater spielt französische Musik. Mein Grossvater spielte französische Musik – so nannten wir sie. Lala music. Mein Grossvater spielte keinen Zydeco.
Aber ab Mitte der Neunzigerjahre wurde alles, was ein Schwarzer Musiker mit einem Akkordeon spielte, als Zydeco bezeichnet. Der Begriff wurde immer weiter gefasst.
In der mündlichen Überlieferung der Familie Ardoin wird das Wort mit dem kreolisch-französischen Ausdruck les haricots sont pas salés in Verbindung gebracht – wörtlich «die Bohnen sind nicht gesalzen» –, einer Wendung, die eng mit der Geschichte des Zydeco verbunden ist.
Was bedeutete dieser Ausdruck?
Zu Zeiten meines Grossvaters, zu Zeiten von Amédé Ardoin, sprach man bei den Hausfesten von les haricots, den Bohnen.
Wenn jemand sagte: «Bei John gibt es les haricots», sollten diejenigen, die man nicht dabeihaben wollte – die Unruhestifter –, denken, dass dort gearbeitet werden musste. Denn wenn es Bohnen gibt, muss man sie aus den Hülsen lösen.
Aber diejenigen, die den Code kannten, kamen.
«Sie rückten die Möbel zur Seite und tanzten.»
Und wenn dich jemand fragt: «Wie geht es dir?» und du antwortest les haricots sont pas salés, bedeutet das: «Uns geht es gut. Es gibt kein Salz für die Bohnen, aber uns geht es gut.»
Clifton Chenier spielte Les Haricots Sont Pas Salés im ganzen Land, und der Ausdruck wurde schliesslich mit dem verbunden, was die Menschen Zydeco zu nennen begannen.
Bevor ein Genre einen Namen bekommt, aufgenommen und über seinen Ursprungsort hinausgetragen wird, gehört Musik zu Räumen, Familien und Gemeinschaften. Möbel werden zur Seite gerückt, Menschen kommen zusammen, jemand nimmt ein Instrument zur Hand. Wer den Code kennt, weiss, wohin er gehen muss.
Die Musik in die Welt tragen
Und doch hast du einen grossen Teil deiner Karriere damit verbracht, diese so stark an einen Ort gebundene Musik über Louisiana hinauszutragen. Warum war dir das wichtig?
Was wir im Südwesten Louisianas machen, wird eigentlich nicht exportiert. Es bleibt in einer kleinen Blase. Und es bleibt dort, weil es so gut funktioniert. Die Musiker spielen zwei- oder dreimal pro Woche. Es ist eine ganze Kultur.
Aber ich bin gerne unterwegs. Meine Musik in die Welt zu bringen, war immer mein Ziel. Ich mache das seit mehr als dreissig Jahren und möchte damit weitermachen.
Vielleicht kann eine Musik gerade deshalb weit reisen, weil sie weiss, woher sie kommt.
Wenn das Konzert beginnt
Was hat dich das Unterwegssein nach mehr als dreissig Jahren als Musiker gelehrt?
Eine Sache, die ich gelernt habe: Wenn du Ja sagst, dann meine Ja; wenn du Nein sagst, dann meine Nein. Entweder du kannst etwas tun oder du kannst es nicht.
Die zweite: Du bekommst nicht, was du verdienst. Du bekommst, was du aushandelst.
Und ich habe gelernt, dass es die Menschen, die zu deinem Konzert kommen, nicht interessiert, was für einen Tag du hattest. Sobald die Show beginnt, geht es los.
Bis das Konzert vorbei ist, besteht meine Aufgabe darin, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Menschen sich dafür entscheiden können, glücklich zu sein. An ihrem Lächeln sehe ich, ob ich meine Arbeit richtig mache.
«Meine Aufgabe ist es, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Menschen sich dafür entscheiden können, glücklich zu sein.»
Der Kreis schliesst sich
Als wir uns trafen, hast du an zwei neuen Projekten gearbeitet. Was sollte als Nächstes kommen?
Ich habe zwei Projekte. Das erste ist mit der Marching Band der Louisiana State University. Ich mache ein Album mit ihnen und meiner Band – Kreole Rock and Soul und die LSU Marching Band spielen meine Musik gemeinsam auf einem ganzen Album.
Das hat es noch nie gegeben, und es wird unter dem Titel Full Circle erscheinen.
Ich habe an der LSU studiert. Ich war Mitglied der Marching Band, und in dieser Zeit habe ich beschlossen, Berufsmusiker zu werden. Jetzt mit genau dieser Band ein Album machen zu können, schliesst für mich wirklich den Kreis.
Das andere Projekt ist ein Studioalbum. Ich habe es vor der Pandemie aufgenommen, und die Tracks waren so gut, dass ich nichts überstürzen wollte. Ich habe mir Zeit gelassen.
Vier Jahre später
Als Ardoin mir in Ascona von Full Circle erzählte, lag das Album noch in der Zukunft. Später im Jahr 2022 erschien es gemeinsam mit der LSU Golden Band from Tigerland und brachte ihm im folgenden Jahr eine weitere Grammy-Nominierung ein. 2025 folgte mit 25 Back to My Roots seine fünfte Nominierung.
Auch nach Ascona ist Ardoin zurückgekehrt. Im Sommer 2026 stand er erneut bei JazzAscona auf der Bühne – an jenem Festival also, bei dem unser Gespräch begonnen hatte.
Full Circle scheint heute mehr zu beschreiben als nur ein Album. Ardoin kehrt an Orte zurück, die Teil seiner eigenen Geschichte geworden sind: an die Louisiana State University, wo er einst beschlossen hatte, Berufsmusiker zu werden, und nach Ascona, wohin seine Musik ihn inzwischen wieder geführt hat.
Und es bleibt das Bild, mit dem unser Gespräch begann: Sean Ardoin auf Tournee mit seinem Sohn. Hinter ihnen liegt eine Musikgeschichte, die sich über Generationen erstreckt. Zwischen ihnen wird diese Musik gespielt, verändert und weitergegeben.
Eine Tradition bleibt nicht lebendig, weil sie unverändert bleibt, sondern weil jemand sie aufnimmt, verändert und weitergibt.
Martina Knecht
Ascona, Juni 2022
Überarbeitet im August 2026
Text © Martina Knecht
Fotos: Gioele Pozzi, © JazzAscona, 2022
Dieses Interview erschien am 30. Juni 2022 in der Tessiner Presse.
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