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Scott Kinsey: Zawinuls Erbe weiterdenken

2. Juli 2022
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 26. Aug.

Ein Interview von Martina Knecht über seine Beziehung zu Joe Zawinul, das Erbe von Weather Report und eine musikalische Sprache, die lebendig bleibt, weil sie sich weiterentwickelt.


Scott Kinsey auf der Bühne im JazzAscona 2022.
Scott Kinsey in Ascona. Keyboards und Synthesizer stehen im Zentrum einer musikalischen Suche, in der Improvisation und elektronischer Klang Teil derselben Sprache werden.



Am 7. Juli 2022 wäre Joe Zawinul neunzig Jahre alt geworden. Der 1932 in Wien geborene Musiker prägte einige der entscheidenden Entwicklungen des Jazz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: die Jahre mit Cannonball Adderley, die Gründung von Weather Report gemeinsam mit Wayne Shorter und später das Zawinul Syndicate. Doch sein Vermächtnis liegt nicht allein in den Bands, die er gründete, oder in der Musik, die er hinterliess. Es liegt ebenso in einer Haltung zum Klang: offen für Technologie und Improvisation, für Rhythmus und musikalische Traditionen aus unterschiedlichen Teilen der Welt.


Diese Haltung prägt auch Scott Kinsey. Der amerikanische Keyboarder, Komponist und Produzent war mit Zawinul befreundet und arbeitete eng mit ihm zusammen. Dessen musikalische Sprache ist für Kinsey zu einem beständigen Bezugspunkt geworden – nicht als Repertoire, das es zu bewahren gilt, sondern als Ausgangspunkt für die eigene Arbeit.


Ich traf Scott Kinsey in Ascona wenige Tage vor dem Konzert, das seine Band Joe Zawinul am 28. Juni 2022 bei JazzAscona widmete. Über dem See zog ein Sommergewitter auf. Wir sprachen über Zawinul und Weather Report, über Synthesizer und Improvisation, vor allem aber über Neugier: jene Offenheit gegenüber dem Unbekannten, die sich durch das gesamte Gespräch zieht und vielleicht besser als jede Definition erklärt, was Kinsey mit seinem Mentor verbindet.



«In meiner eigenen Musik ist die Liebe für alles, was Zawinul ausmacht, immer präsent – genauso wie in Joes Musik die Liebe zur Musik von Ellington immer präsent war.»


Neugier als Ausgangspunkt


Du bist in Owosso, Michigan, aufgewachsen. Was hat dich zur Musik gebracht?


Ich bin in Owosso aufgewachsen, und meine Eltern waren beide sehr musikalisch. Meine Mutter hatte am College Musik studiert, und mein Vater arbeitete beim Radio, spielte aber auch Keyboard. Es war also kein Zufall, dass ich zur Musik kam.

Wie hat sich dein Sound im Laufe der Zeit entwickelt? Wie hast du ihn gefunden und weiterentwickelt?


Mich interessiert alles, was ich noch nicht kenne. Ich glaube, Interesse und Neugier sind der Schlüssel. Neugier bringt einen dazu, viel zuzuhören.


Was die Instrumente betrifft, hat mein Vater meine Anfänge sicher beeinflusst. Er brachte immer die neuesten Geräte mit nach Hause, und ich konnte damit experimentieren. Was mich am Synthesizer am meisten fasziniert, ist das Geheimnisvolle. Was ist das? Welchen Klang kann er erzeugen? Die Vorstellung von neuen, noch nie gehörten Klängen faszinierte mich.


Lange Zeit hatte ich selbst keinen Zugang zu einem Synthesizer. Also sah ich mir die Anzeigen im Keyboard Magazine an und stellte mir vor, wie diese Instrumente wohl klingen würden. Ich glaube, das hat meine Vorstellungskraft geschärft.



Wie erhältst und entwickelst du deine musikalischen Fähigkeiten weiter, besonders in rhythmischer Hinsicht?


Die einfachsten Dinge sind oft die wirksamsten: mit einem Metronom in verschiedenen Tempi üben, vor allem in sehr langsamen, und dabei mit Downbeats und Upbeats arbeiten.



Der Geist Zawinuls


Was wirst du bei JazzAscona präsentieren, und warum hast du dich entschieden, Joe Zawinul dieses Konzert zu widmen?


Meine Liebe zu Joes Musik. Er war ein Genie, und man kann das unglaubliche Zusammenspiel und die Verspieltheit, die er und Wayne Shorter uns geschenkt haben, nicht vergessen. Aber in dieser Welt bewegt sich alles sehr schnell, und alle sind immer schon bereit für das Nächste. Oft ist es einfach nur neu, nicht unbedingt besser. Genialität kann leicht übersehen werden.


Deshalb habe ich beschlossen, die Menschen wieder an Joes Musik zu erinnern und dafür zu sorgen, dass der Geist seiner Musik lebendig bleibt. Dieser Geist ist in vielerlei Hinsicht das Entscheidende.


In meiner eigenen Musik ist die Liebe für alles, was Zawinul ausmacht, immer präsent – genauso wie in Joes Musik die Liebe zur Musik von Ellington immer präsent war.


Die Gruppe, die ich für das Konzert in Ascona zusammengestellt habe – mit dem Bassisten Hadrien Feraud, dem Perkussionisten Arto Tuncboyaciyan, der mit Joe gearbeitet hat, dem Schlagzeuger Gergo Borlai und der Sängerin Mer Sal – besteht aus Musikern, die Zawinuls Sprache wirklich verstehen. Oder Luniwaz, wie ich sie nenne. Wir werden mehrere Stücke von Joe spielen, sowohl aus der Zeit von Weather Report als auch vom Zawinul Syndicate, dazu einige meiner eigenen Stücke.



Wie war deine Beziehung zu Joe Zawinul? Wie war es, so eng mit ihm zusammenzuarbeiten und musikalische Ideen auszutauschen?


Joe und ich wurden im Laufe der Jahre nach und nach gute Freunde, und es dauerte nicht lange, bis er mich um Hilfe im Studio bat. Ich verbrachte etwa 103 Tage mit ihm und half ihm bei der Produktion von Faces & Places. Auch bei anderen Projekten fragte er mich häufig um Rat. Ausserdem habe ich sein Duo-Album mit Friedrich Gulda, Two Pianos, gemastert.


Wie wir uns kennenlernten, war ziemlich kurios. Mein Freund Jim Goetsch wusste, dass ich Joe kennenlernen wollte, und lud mich eines Jahres ein, beim Schmücken des Weihnachtsbaums zu helfen. Von da an entwickelte sich unsere Freundschaft mit der Zeit.


Mit Joe zu arbeiten war surreal. Und auch mit seiner Familie zusammen zu sein, machte unglaublich viel Spass. Jedes Mal, wenn ich ihr Haus verliess, fühlte ich mich voller Energie.



«Da draussen gibt es eine ganze Welt neuer Musik.»


Nach vorne schauen


Von der Schallplatte bis zum Streaming hat die Technologie nicht nur verändert, wie wir Musik hören, sondern auch, wie sie entsteht, produziert und verbreitet wird. Wie gehst du mit diesem Wandel um?


Das Alte ist das neue Neue. Jetzt scheinen alle wieder in Schallplatten verliebt zu sein, und ich verstehe das: Sie haben einen warmen Klang. Aber ich weiss nicht, ob ich mich jemals wieder für Kassetten begeistern kann [lacht]. Für mich ist das Wichtigste, immer nach vorne zu schauen.



Siehst du in neuen Technologien auch neue Möglichkeiten?


Dolby Atmos ist noch ziemlich neu und fühlt sich für mich wirklich nach Zukunft an. Jimmy Haslip und ich haben an einer Dolby-Atmos-Version mehrerer Stücke gearbeitet, die wir zuvor auf der CD Big Fuse veröffentlicht hatten. Es ist unsere erste Veröffentlichung in Dolby Atmos, und wir sind ziemlich begeistert davon. Atmos wird auch in Autos verfügbar sein, deshalb glaube ich, dass es sich verbreiten wird. Ich hoffe, irgendwann auch mein Studio mit dieser Technologie ausstatten zu können.



Wenn du eine Sache in der Musikwelt verändern könntest, welche wäre das?


Ich wünschte, die Menschen würden die Schönheit und Magie improvisierter Musik wieder so wahrnehmen wie in den Siebzigerjahren.



Scott Kinsey auf der Bühne im JazzAscona 2022.



Welchen Rat würdest du jungen Musikerinnen und Musikern geben, die abseits des Pop-Mainstreams arbeiten wollen?


Man muss sich bewusst sein, dass es nicht einfach sein wird. Aber es lohnt sich, wenn man sich wirklich darauf einlässt. Allein zu erkennen, dass es möglich ist, ist schon ein guter Anfang.



Das Erbe des Jazz


Wie kann man junge Menschen für Jazz begeistern, wenn viele Standards vor mehr als einem halben Jahrhundert geschrieben wurden?


Wenn sie nur erkennen würden, dass es da draussen eine ganze Welt neuer Musik gibt. Natürlich wird der Jazz, wie wir ihn aus den Fünfzigerjahren kennen, immer eine Grundlage sein. Aber ich glaube, dass jüngere Musiker heute mehr denn je ihren eigenen Weg gehen.


Thundercat und seine Band, Knower, DOMi und JD Beck sind Beispiele für junge Musiker, die wirklich ihr eigenes Ding machen und damit erfolgreich sind. Sie nehmen das Erbe des Jazz auf und erweitern es auf sehr persönliche Weise. Und genau darum geht es beim Jazz.



Dein Album Adjustments entstand in Zusammenarbeit mit der Sängerin Mer Sal, die auch in Ascona dabei sein wird. Wie habt ihr euch kennengelernt?


Mer und ich haben uns im Studio kennengelernt, bei einer Session, die ich gemeinsam mit Jimmy Haslip produzierte. Er sagte, er wolle eine Sängerin aus Colorado dazuholen, mit der er bereits gearbeitet hatte, und ich erinnere mich, dass ich dachte: «Aber warum?» [lacht]. Jimmy sagte nur: «Vertrau mir.»


Das tat ich, und es stellte sich heraus, dass Mer Sal eine unglaublich talentierte Sängerin ist – und ausserdem Bassistin. Inzwischen arbeiten wir oft zusammen, und dafür bin ich dankbar. Sie kann einfach alles singen.



Wenn du nach vorne blickst: Welche Projekte stehen als Nächstes an?


Mein nächstes Soloalbum ist fast fertig. Mit dabei sind Hadrien Feraud, Gary Novak, Cyril Atef, Mer Sal, Pedro Martins, Arto Tuncboyaciyan und viele andere grossartige Musiker. Ausserdem stehe ich kurz davor, mit meinem guten Freund Danny Carey, dem Schlagzeuger von Tool, und dem Gitarristen Michael Landau die nächste Platte zu produzieren. Es gibt also einiges, worauf man sich freuen kann.



Martina Knecht

Ascona, Juni 2022

Text © Martina Knecht

Fotos: Gioele Pozzi, © JazzAscona, 2022



Das Interview ist am 28. Juni 2022 in der Tessiner Presse erschienen.
Das Interview ist am 28. Juni 2022 in der Tessiner Presse erschienen.


Die Autorin dankt Peter Basler von Basitours, Luca Martinelli und JazzAscona, die dieses Interview ermöglicht haben.






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