VideoArt Festival Locarno: a Prospective
Aktualisiert: 26. Aug.
Eine Ausstellung, eine Publikation und ein Forschungsprojekt werfen einen neuen Blick auf die Geschichte des VideoArt Festival Locarno – eine der frühen europäischen Initiativen für Videokunst und elektronische Bildmedien – und zeichnen seine Bedeutung für die Entstehung der heutigen digitalen Kultur nach.

Vom 8. August bis 20. Oktober 2019 zeigte das Centro culturale e museo Elisarion VideoArt Festival Locarno: A Prospective, eine Ausstellung über das VideoArt Festival Locarno, das zu den frühen europäischen Plattformen gehörte, die Video als eigenständige künstlerische Ausdrucksform verstanden.
Im Mittelpunkt stand weniger eine chronologische Geschichte des Festivals als die Beziehung zwischen den wegweisenden Arbeiten der 1980er-Jahre und dem kulturellen Erbe des Monte Verità – einem Ort, der seit dem frühen 20. Jahrhundert für künstlerische Experimente, unkonventionelles Denken und gesellschaftliche Utopien steht. Frühe Videoinstallationen begegneten hier Il chiaro mondo dei beati von Elisàr von Kupffer, jenem monumentalen Rundgemälde, das Harald Szeemann wiederentdeckte und das heute in einem eigens dafür errichteten Pavillon auf dem Monte Verità zu sehen ist.
Die Ausstellung machte damit eine unerwartete Kontinuität sichtbar. Zwischen den spirituellen und künstlerischen Suchbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts und den technologischen Experimenten des digitalen Zeitalters liegen Jahrzehnte – und doch verbindet sie eine ähnliche Ambition: etablierte Formen der Wahrnehmung, des Wissens und der Darstellung infrage zu stellen.
VideoArt Festival Locarno: A Prospective war deshalb mehr als eine historische Rückschau. Die Ausstellung nahm die Geschichte zum Ausgangspunkt, um über die Gegenwart und Zukunft der Bilder nachzudenken.
Der Ausstellungsparcours vereinte Werke von Laurie Anderson, Nam June Paik, Steina und Woody Vasulka sowie Robert Wilson mit Arbeiten von René Mauermeister, Lorenzo Bianda, Robert Chen, Geneviève Calame, Ed Emshwiller, Jacques Guyonnet, Ivan Ladislav Galeta, Sanja Iveković, Francesco Mariotti, Dalibor Martinis, Gérald Minkoff, Muriel Lesen, Jean Otth und Gianni Toni.

Laurie Andersons Anwesenheit in Locarno zur selben Zeit stellte eine weitere Verbindung zu den Themen der Ausstellung her. Als Künstlerin, die sich zwischen Musik, Performance, Film und bildender Kunst bewegt, steht Anderson für eine künstlerische Praxis, die seit den 1970er-Jahren das Verhältnis zwischen Technologie, Sprache und Narration immer wieder neu ausgelotet hat.
Ihre Performances, elektronischen Kompositionen und Filme wie Home of the Brave (1986) und Heart of a Dog (2015) folgen demselben Impuls, der auch die Pionierinnen und Pioniere der Videokunst antrieb: neue Formen der Wahrnehmung und neue Möglichkeiten des Erzählens durch Bild, Klang und Bewegung zu erkunden.
Die Auseinandersetzung setzte sich in der zweisprachigen Publikation zur Ausstellung fort, die der Geschichte und dem Vermächtnis des VideoArt Festival Locarno gewidmet ist. Die von Swiss Hypertext redigierte und übersetzte Publikation versammelt Beiträge von Lorenzo Bianda (Real Time) sowie den Kuratoren François Bovier und Adeena Mey, die den Weg von den frühen analogen Experimenten bis zu den digitalen Kulturen der Gegenwart nachzeichnen.
Ausstellung und Publikation waren Teil des Forschungsprojekts From Video Art to New Media: the Case of the VideoArt Festival Locarno (1980–2001) der École cantonale d’art de Lausanne (ECAL), unterstützt vom Schweizerischen Nationalfonds. Im Zusammenspiel von Forschung, Ausstellung und Publikation rückte das Projekt ein bedeutendes Kapitel der Geschichte der Video- und Medienkunst erneut ins Blickfeld. Zugleich zeigte es, wie gegenwärtig die Fragen geblieben sind, die diese frühen Experimente aufwarfen: Fragen nach dem Bild, nach Technologie und danach, wie sich unsere Wahrnehmung durch neue Medien verändert.
VideoArt Festival Locarno: A Prospective
2019
Herausgegeben von ECAL — François Bovier, Adeena Mey, Maud Pollien
Redaktion und Übersetzung: Swiss Hypertext / Martina Knecht
50 Seiten, zweisprachige Ausgabe (Italienisch/Englisch)
Herausgegeben von ECAL und Centro culturale e museo Elisarion
Martina Knecht
Locarno, August 2019
Text © Martina Knecht
Bilder © ECAL, © Centro Elisarion, © Martina Knecht
Weiterführende Informationen
Die lichte Welt der Seligen kehrt ans Licht zurück
Der Kunsthistoriker Carlo Franza zeichnet die Geschichte von Elisàr von Kupffers monumentalem Rundgemälde nach – von der Restaurierung bis zur Wiedereröffnung des Elisarion-Pavillons auf dem Monte Verità.
→ Artikel auf Italienisch: Il chiaro mondo dei beati di Elisàr von Kupffer torna alla luce in Canton Ticino. Scene da paradiso terrestre – Carlo Franza (2021)
Harald Szeemann präsentiert Die lichte Welt der Seligen
Ein historisches Videodokument, in dem Harald Szeemann Elisàr von Kupffers monumentales Rundgemälde vorstellt und dessen Bedeutung im Kontext des Monte Verità erläutert.
Monte Verità. Die Brüste der Wahrheit
Die von Harald Szeemann konzipierte Dauerausstellung in der Casa Anatta vermittelt den historischen und kulturellen Kontext, in den sich auch Die lichte Welt der Seligen einfügt, die heute im Elisarion-Pavillon zu sehen ist.
VideoArt Festival Locarno: A Prospective
Der zweisprachige Ausstellungskatalog dokumentiert das Forschungs- und Ausstellungsprojekt zum VideoArt Festival Locarno und beleuchtet eines der bedeutendsten Kapitel der Video- und Medienkunst in der Schweiz und Europa. Herausgegeben von der ECAL und dem Centro culturale e museo Elisarion vereint er wissenschaftliche Beiträge, historisches Quellenmaterial und die ausgestellten Werke.
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