Wer wir mitgedacht
15. Feb. 2022
4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Aug.
Warum eine italienische Version in der Schweiz mehr ist als eine Frage der Reichweite.

Lohnt sich eine italienische Version einer Website, wenn nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Schweizer Bevölkerung Italienisch spricht?
Diese Frage begegnet mir regelmässig, und meist ist sie pragmatisch gemeint: Eine Website existiert bereits auf Deutsch, Französisch und Englisch, Budgets sind begrenzt, zusätzliche Sprachversionen müssen nicht nur erstellt, sondern auch langfristig gepflegt werden. Die Zahlen scheinen zunächst eine einfache Antwort nahezulegen. Italienisch ist die Hauptsprache von rund acht Prozent der Schweizer Bevölkerung. Doch Sprache lässt sich nicht allein in Reichweite messen. Welche Sprachen eine Institution verwendet, sagt auch etwas darüber aus, an wen sie sich richtet, wen sie als Teil ihres öffentlichen Raums versteht und wer darin sichtbar wird. In einem mehrsprachigen Land vermittelt die Sprachwahl deshalb Zugehörigkeit, oft noch bevor ein Text überhaupt gelesen wird. Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr nur: Wie viele Menschen erreichen wir? Sondern auch: Wer wird mitgedacht?
Wenn eine Sprache fehlt
Als Tessinerin kenne ich diese Erfahrung gut. Ich öffne die Website einer national tätigen Institution: Deutsch, Französisch, Englisch. Italienisch fehlt. Natürlich kann ich den Inhalt in einer anderen Sprache lesen; darum geht es nicht. Was bleibt, ist die Wahrnehmung: Drei Sprachen wurden als notwendig erachtet, eine vierte nicht. Dafür kann es nachvollziehbare Gründe geben – begrenzte Mittel, redaktioneller Aufwand, andere Prioritäten oder schlicht die Annahme, dass italienischsprachige Nutzerinnen und Nutzer ohnehin auf eine andere Sprache ausweichen können. Doch Kommunikation besteht nicht nur aus Absichten, sie erzeugt auch Wahrnehmung. Wenn eine Schweizer Landessprache regelmässig fehlt, entsteht eine Hierarchie der Sichtbarkeit. Bei öffentlichen Institutionen, Kulturorganisationen oder Unternehmen mit gesamtschweizerischem Anspruch ist das besonders relevant: Mehrsprachigkeit ist hier nicht lediglich eine technische Eigenschaft der Kommunikation, sondern Teil des gesellschaftlichen und kulturellen Kontextes, in dem sie stattfindet.
Sprache schafft Präsenz
Eine italienische Version ist deshalb mehr als eine zusätzliche Ausgabe desselben Inhalts. Sie macht eine Sprachgemeinschaft innerhalb eines gemeinsamen Kommunikationsraums sichtbar und signalisiert, dass diese Öffentlichkeit nicht erst nachträglich erreicht werden soll, sondern von Anfang an mitgedacht wurde. Gerade die Schweiz bietet dafür ein interessantes Beispiel, denn ihre Mehrsprachigkeit besteht nicht einfach darin, dass innerhalb derselben Landesgrenzen verschiedene Sprachen gesprochen werden. Mit ihnen verbinden sich unterschiedliche Medienräume, kulturelle Referenzen, Institutionen und regionale Erfahrungen. Zwischen Zürich, Lausanne, Lugano und Scuol verändern sich nicht nur die Sprachen, sondern auch die kulturellen und institutionellen Kontexte, in denen Inhalte gelesen und verstanden werden. Wer für die ganze Schweiz kommuniziert, bewegt sich deshalb nicht nur zwischen Sprachen, sondern zwischen kulturellen Räumen. Übersetzen wird an diesem Punkt zu einer Form kultureller Vermittlung.
Übersetzen reicht nicht
Dass eine Sprachversion vorhanden ist, bedeutet allerdings noch nicht, dass sie ihre Aufgabe erfüllt. Eine italienische Website kann vollständig übersetzt und sprachlich korrekt sein und sich dennoch so lesen, als gehöre der Text nicht ganz in die Sprache, in der er erscheint. Besonders deutlich wird das bei Inhalten, die Satz für Satz aus dem Deutschen übertragen wurden: Die Wörter stimmen, die Bedeutung ist vorhanden – und trotzdem bleibt die Struktur der Ausgangssprache spürbar.
Denn Sprachen unterscheiden sich nicht nur im Wortschatz. Sie organisieren Gedanken unterschiedlich, setzen andere Schwerpunkte und entwickeln ihren eigenen Rhythmus. Was im Deutschen durch Präzision, Verdichtung oder eine klare syntaktische Struktur selbstverständlich wirkt, kann im Italienischen schwerfällig, distanziert oder schlicht unnatürlich klingen. Umgekehrt lassen sich Rhythmus, implizite Bezüge oder sprachliche Offenheit eines italienischen Textes nicht ohne Weiteres in eine deutsche Struktur übertragen. Übersetzen bedeutet deshalb auch, zu verstehen, welche sprachlichen Entscheidungen eine bestimmte Wirkung erzeugen – und wie sich diese Wirkung in einer anderen Sprache neu herstellen lässt.
Deshalb verstehe ich Übersetzung als Teil eines redaktionellen Prozesses. Am Anfang steht nicht die Frage, wie sich ein Satz möglichst genau übertragen lässt, sondern was ein Text eigentlich leisten soll: welche Information er vermittelt, welche Haltung darin zum Ausdruck kommt, wen er anspricht und in welchem Kontext er gelesen wird. Erst auf dieser Grundlage lässt sich entscheiden, welche sprachliche Form derselbe Inhalt in einer anderen Sprache braucht.
Das Ergebnis muss dem Ausgangstext nicht Wort für Wort folgen. Entscheidend ist vielmehr, dass Sorgfalt, Präzision und kommunikative Absicht erhalten bleiben. Manchmal bedeutet das, einen Satz neu zu strukturieren, einen Bezug expliziter zu machen oder einen Ton zurückzunehmen; manchmal braucht es eine andere sprachliche Lösung, um beim neuen Publikum dieselbe Klarheit oder Nähe herzustellen. Gerade darin liegt die redaktionelle Dimension des Übersetzens: Nicht die sprachliche Oberfläche wird reproduziert, sondern die Funktion eines Textes in einem neuen Kontext weitergedacht.
Eine gute italienische Fassung liest sich deshalb nicht wie die italienische Version eines deutschen Textes. Sie liest sich wie ein Text, der auch auf Italienisch gedacht wurde.
Mehrsprachigkeit als redaktionelle Entscheidung
Natürlich braucht nicht jede Website jede Sprache. Ein lokales Unternehmen in Zürich hat andere kommunikative Aufgaben als eine Bundesinstitution, ein nationales Museum oder eine Organisation, die Menschen in allen Landesteilen erreichen möchte. Gerade deshalb sollte die Sprachwahl bewusst getroffen werden und sich aus Auftrag, Publikum und Kontext ergeben. Die Frage nach einer italienischen Version lässt sich nicht allein mit Bevölkerungsanteilen beantworten. Denn wer national kommuniziert, vermittelt mit seiner Sprachwahl auch eine Vorstellung davon, wer zu diesem «national» gehört. Eine Übersetzung macht einen Inhalt daher nicht nur in einer weiteren Sprache zugänglich. Sie macht sichtbar, wer innerhalb einer gemeinsamen Öffentlichkeit mitgedacht wird.
Kernaussage
Mehrsprachigkeit beginnt nicht mit der Frage, wie viele Menschen eine Sprache sprechen, sondern damit, wen eine Kommunikation mitdenkt.
Martina Knecht
Zürich, August 2018
Text und Illustration © Martina Knecht
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