Vermittlung ist Gestaltung
- 8. Juli
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Aktualisiert: vor 4 Tagen
Wie Räume, Objekte und Architektur ihre Bedeutung entfalten – und warum Vermittlung Teil des Entwurfs ist.

Ein Raum spricht nicht von selbst. Er wird gelesen – durch Materialien, Proportionen, Licht und Nutzung. Dasselbe gilt für Objekte: Ihre Bedeutung entsteht nicht allein aus ihrer Form, sondern im Verhältnis zu den Menschen, die ihnen begegnen, sie benutzen und in einen bestimmten kulturellen Zusammenhang stellen.
Trotzdem wird Vermittlung häufig als etwas Nachträgliches verstanden: als Text zum Bild, als Erklärung zum Gebäude oder als Geschichte zum Objekt. Ich sehe Vermittlung anders. Sie beginnt bereits dort, wo Gestaltung auf Wahrnehmung trifft. Denn was ein Entwurf auslöst, wie er verstanden wird und welche Beziehungen er eröffnet, gehört zu seiner Wirkung ebenso wie Material, Form oder Funktion.
Diese Haltung begleitet mich seit meinen ersten Begegnungen mit Design. Im Einrichtungshaus Knecht Arredamenti wurden Möbel nicht einfach ausgestellt und verkauft. Sie wurden eingeordnet – durch Gespräche, durch die Begegnung mit Designerinnen und Designern und durch die Frage, weshalb ein Objekt relevant ist und welche Idee dahintersteht. So wurde mir früh bewusst, dass Gestaltung mit dem Entwurf zwar eine konkrete Form erhält, dort aber nicht endet. Sie setzt sich fort in der Art, wie ein Objekt verstanden, gebraucht, gelebt und schliesslich Teil des eigenen Alltags wird.
Ein prägendes Beispiel dafür war die frühe Vermittlung der Möbelkollektion Memphis im Tessin. Der Locarneser Innenarchitekt Jakob Knecht präsentierte die Entwürfe der Gruppe bereits Anfang der 1980er-Jahre in der Schweiz – zu einer Zeit, als ihre radikale Formsprache hier noch weitgehend unbekannt war. Die 1981 von Ettore Sottsass gegründete Gruppe vereinte Gestalterinnen und Gestalter unterschiedlicher Disziplinen und Nationalitäten, darunter Michele De Lucchi, Matteo Thun, Nathalie du Pasquier und Martine Bedin. Ihre farbigen, spielerischen und bewusst unerwarteten Entwürfe stellten etablierte Vorstellungen von Funktion, Geschmack und Wohnlichkeit infrage.
Memphis in einen lokalen Kontext zu bringen, bedeutete deshalb mehr, als neue Möbel anzubieten. Es eröffnete einen Zugang zu einer anderen Vorstellung von Design. Die Vermittlung schuf einen Raum, in dem eine zunächst fremde Formensprache betrachtet, diskutiert und schliesslich verstanden werden konnte.

Manche Dinge bleiben genau deshalb erhalten, weil sie mehr sind als Gegenstände. Jahr für Jahr fand nach der Inventur ein Memphis-Teller seinen Weg in meine Sammlung. Zusammen mit dem Aschenbecher Api erinnern sie an eine Zeit, in der Design nicht nur konsumiert, sondern diskutiert wurde. Die Objekte sind heute Teil meiner persönlichen Geschichte geworden – und damit ein kleines Beispiel dafür, wie Gestaltung über ihre ursprüngliche Funktion hinaus Bedeutung entwickeln kann.
Der Raum als Erfahrung
Noch bevor ein Raum erklärt wird, hat er längst eine Wirkung. Man betritt ihn, bewegt sich durch ihn, reagiert auf Materialien, Licht und Proportionen. Die Bedeutung entsteht dabei unmittelbar aus der körperlichen Erfahrung.
Besonders deutlich wurde mir das bei der Vitra Fire Station von Zaha Hadid. Die 1993 realisierte Architektur ist kein Raum, der sich auf einen einzigen Blick erschliesst. Sichtbeton, scharf geschnittene Geometrien und die Spannung zwischen Bewegung und Stillstand erzeugen eine räumliche Dramaturgie, die sich erst im Durchqueren vollständig entfaltet. Das Gebäude fordert den Körper heraus: Wege werden zu Richtungen, Kanten zu visuellen Signalen, Übergänge zu Momenten der Orientierung.

Die fotografische Darstellung kann diese Qualitäten vermitteln, aber sie kann die Erfahrung nicht ersetzen. Gerade darin liegt eine zentrale Aufgabe kultureller Vermittlung: Sie muss zwischen dem Bild eines Raumes und dem Raum selbst unterscheiden und jene Aspekte sichtbar machen, die sich erst durch Bewegung, Zeit und Wahrnehmung erschliessen.
Eine andere Form dieser räumlichen Erfahrung begegnete mir im ehemaligen Atelier von Achille Castiglioni in Mailand. Im piano nobile eines eleganten lombardischen Stadthauses steht in einer Ecke ein raumhoher Spiegel, diagonal in einem Winkel von 45 Grad gesetzt. Ein scheinbar einfacher Eingriff verändert die gesamte Wahrnehmung des Raumes: Aus einer Ecke entsteht eine Kreuzung zweier langer Korridore, deren Ende zwischen überquellenden Bücherregalen, Zeichentischen und Vitrinen nicht mehr sichtbar ist. Der Raum wirkt grösser, tiefer und zugleich wie ein offenes Labor des Denkens.

Das Atelier selbst scheint, als sei Castiglioni nur kurz hinausgegangen. Skizzen, Zeichnungen, Modelle und Alltagsobjekte sind noch präsent. Der Ort bewahrt damit nicht nur Gegenstände, sondern eine Arbeitsweise. Gerade der unscheinbare Spiegel wird zu einem Schlüssel für Castiglionis Denken: Mit einer kleinen Veränderung lässt sich eine vertraute Situation neu lesen.
Vom Entwurf zum Kontext
Heute begegnen wir Architektur und Design häufig zuerst als Bild: als Rendering, fotografische Ikone oder kurze Sequenz in sozialen Medien. Noch bevor ein Gebäude betreten oder ein Objekt berührt wird, ist eine Interpretation angelegt. Diese erste Wahrnehmung prägt, welche Erwartungen wir an das Kommende entwickeln.
Vermittlung beginnt deshalb nicht erst bei der Erklärung eines fertigen Projekts. Sie setzt früher an – bei der Auswahl dessen, was gezeigt wird, bei der Sprache, mit der ein Projekt beschrieben wird, bei den Zusammenhängen, die hergestellt werden, und bei den Fragen, die offenbleiben dürfen.
Diese Erfahrungen prägen meine Arbeit bis heute. Bei Swiss Hypertext verstehe ich Vermittlung als Teil des Entwurfs: Architektur wird als Prozess erzählt, Design als kulturelle Praxis und ein Objekt als Ergebnis von Entscheidungen, Beziehungen und Ideen. Meine Aufgabe besteht darin, diese Zusammenhänge so zu strukturieren, dass sie lesbar werden, ohne ihre Komplexität zu verlieren.
Denn Architektur besteht nicht nur aus dem, was gebaut wurde. Sie besteht ebenso aus den Entscheidungen, den Bedingungen und den Vorstellungen, die zu diesem Ergebnis geführt haben. Ähnliches gilt für ein Möbel, eine Ausstellung oder eine Publikation. Was wir sehen, ist immer auch die sichtbare Oberfläche eines Prozesses.
Vermittlung macht diesen Prozess zugänglich. Sie verbindet Wahrnehmung und Kontext, Erfahrung und Wissen, Entwurf und Öffentlichkeit.
Vermittlung als Teil des Entwurfs
Vielleicht liegt genau darin ihre gestalterische Dimension.
Ein Projekt gewinnt seine Bedeutung nicht allein durch seine physische Form. Sie entsteht im Zusammenspiel mit den Menschen, die es betrachten, benutzen, interpretieren und weitertragen. Vermittlung schafft die Voraussetzungen dafür, dass diese Begegnung stattfinden kann.
Vermittlung ist Gestaltung.
Nicht als Zusatz zum fertigen Entwurf, sondern als Teil jenes Prozesses, durch den Gestaltung überhaupt lesbar, erfahrbar und relevant wird.
Kernaussage
Gute Gestaltung endet nicht beim Entwurf. Erst durch Vermittlung wird Gestaltung lesbar. Sie ist deshalb kein Zusatz, sondern Teil des Entwurfs.
Martina Knecht
Text © Martina Knecht
Bilder (von oben nach unten) © José Pino, © The Metropolitan Museum of Modern Art, © Vitra Design Museum, © Fondazione Achille Castiglioni
Weiterführende Informationen
Memphis Milano
Ettore Sottsass und die Geschichte der Memphis-Gruppe
Vitra Design Museum
Zaha Hadid und das Feuerwehrhaus
Fondazione Achille Castiglioni
Studio, Archiv und Werk von Achille Castiglioni
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Einblicke in meine Arbeit an der Schnittstelle von Sprache, Kultur, Gestaltung und Vermittlung



