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Auf einen Kaffee? Die verborgene Zeit der Wörter

  • 1. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

«Treffen wir uns auf einen Kaffee?» – ein Satz, der selbstverständlich klingt. Und doch erzählt er in der Schweiz, je nach Sprachregion, eine andere Geschichte.


Detailaufnahme einer Hand mit einer Espressotasse.
Für mich riecht das Wort Kaffee nach einer Moka-Kanne auf dem Gasherd. So habe ich ihn während meiner Jahre in Italien kennen und lieben gelernt. Seitdem trägt dieses Wort mehr als nur seinen lexikalischen Sinn in sich: Es ist Erinnerung, Ritual, ein Stück gelebte Zeit.


Wenn ich über Sprache und Übersetzung nachdenke, kehre ich immer wieder zu einem Buch von Umberto Eco zurück: Quasi dasselbe mit anderen Worten. Über das Übersetzen (Hanser, 2006). Zum ersten Mal habe ich es während meines Linguistikstudiums in Mantua gelesen – in der italienischen Originalausgabe Dire quasi la stessa cosa – und bis heute empfehle ich es allen, die sich für Sprachen interessieren.

Eco erinnert daran, dass Übersetzen weit mehr ist als der Austausch von Wörtern. Es ist der Versuch, Bedeutung immer wieder neu auszuhandeln. Schon der deutsche Titel bringt diese Idee auf den Punkt: Quasi dasselbe mit anderen Worten. Gerade in diesem quasi liegt der Spielraum, in dem Sprache lebendig wird.


Nehmen wir einen scheinbar harmlosen Satz: «Treffen wir uns auf einen Kaffee.»


Im italienischsprachigen Raum ist das ein kleines Meisterwerk funktionaler Mehrdeutigkeit. Natürlich kann es bedeuten: Gehen wir einen Kaffee trinken. Genauso gut kann es aber heissen: Lass uns in Ruhe reden. Wir sollten uns mal wiedersehen. Bleiben wir in Kontakt. Oder – in seiner diplomatischsten Variante – Beenden wir dieses Gespräch, ohne dass es unangenehm wird.


Der Kaffee ist dabei Vorwand, nicht Programm.


Und vor allem: Er dauert nicht lange.


Ein Espresso an der Bar, zwei Schlucke, drei Minuten. Gerade genug Zeit für einen kurzen Austausch, fast schon ein Ritual. Er braucht keine Planung und verlangt kaum Zeit. Eher eine angelehnte Tür als einen fest vereinbarten Termin.



Ecos «quasi»


Genau dieses Beispiel greift Umberto Eco auf, um zu zeigen, wie sich mit dem kulturellen Kontext auch die implizite Zeit einer Aussage verändert.


Im angelsächsischen Raum, so schreibt er, wird die Einladung auf einen Kaffee schnell zu etwas Verbindlicherem. Man setzt sich hin, nimmt sich Zeit, führt ein Gespräch. Aus einer kurzen Unterbrechung wird ein gemeinsamer Moment.


Und genau hier berührt seine Beobachtung meine eigene Erfahrung zwischen Italien, der italienischen Schweiz und der Deutschschweiz.



Die Autorin sitzt auf der Piazza del Popolo in Cremona und genießt einen Espresso.
Es gibt Orte, die noch lange mit uns sprechen, nachdem wir sie verlassen haben. Für mich ist Cremona ein solcher Ort. Während meines Studiums habe ich mehrere Jahre hier gelebt – eine Zeit, die sich weniger in Kalendern als in den kleinen Ritualen des Alltags eingeschrieben hat. Einer davon war der Espresso auf der Piazza. Die Linguistik lehrt uns, dass Bedeutung nie allein in den Wörtern liegt, sondern immer auch im Kontext entsteht. Vielleicht gilt das auch für Orte. An sie zurückzukehren bedeutet, einem vertrauten Raum eine neue Bedeutung zu verleihen und die Person, die man einmal war, mit der zu verbinden, die man heute ist. So wird ein Espresso zu weit mehr als nur einem Kaffee: zu einer stillen Übersetzung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.


Wenn aus einem Kaffee ein Termin wird


Denn auch im deutschsprachigen Raum meint ein Kaffee nur selten einfach nur einen kurzen Moment.


Ich erinnere mich gut an die ersten Male in Zürich, als ich mit typisch italienischer Leichtigkeit sagte: «Treffen wir uns doch auf einen Kaffee!»


Die Antwort kam fast immer sofort: «Sehr gern. Wann?»


Und diese Frage war keineswegs rhetorisch.


In diesem Moment hatte sich im Kopf meines Gegenübers bereits ein Kalender geöffnet. Ein Datum. Eine Uhrzeit. Vielleicht sogar schon ein Café. Implizite Dauer: mindestens eine halbe Stunde. Am besten noch mit einem Stück Kuchen. Der Kaffee war nicht länger eine beiläufige soziale Geste. Er war zu einem Termin geworden.


Ich selbst war gedanklich noch auf einer anderen Ebene. Für mich bedeutete dieser Satz vor allem eines: Es würde mich freuen, dich irgendwann wiederzusehen.



Der Kaffee als kultureller Code


Hier zeigt sich der eigentliche Unterschied.


In Italien – und nicht anders im Tessin – ist Kaffee eine ernste Angelegenheit. Aber eine schnelle.


Ein Espresso: schwarz, konzentriert, oft im Stehen getrunken, während die Marzocco mehr Energie als Koffein ausgibt. Ein kurzer, beinahe identitätsstiftender Moment.


«Gehen wir auf einen Kaffee?» bedeutet: Ich freue mich, dich zu sehen – aber ich beanspruche nicht deinen Nachmittag.


Nördlich der Alpen verschiebt sich die Perspektive. Und mit ihr verändert sich auch die Tasse.


Der Kaffee ist häufig länger, gefiltert, sorgfältig verdünnt – ein wohlmeinendes Getränk, dem aus italienischer Sicht vielleicht ein wenig die Dringlichkeit fehlt.


Nicht mehr der kurze Espresso, sondern ein Kaffee, der bleibt. Und mit ihm dehnt sich auch das Gespräch.



Auch an der Kaffeebar wird übersetzt


Genau hier beginnen die ersten Missverständnisse. Denn auch die Sprache an der Kaffeebar folgt eigenen Regeln.


Von Palermo bis Airolo bedeutet un caffè ganz selbstverständlich einen Espresso, meistens serviert mit einem kleinen Glas Wasser. In Zürich hingegen ist ein Kafi ein langer, schwarzer Kaffee. Und in Genf?


Dasselbe Wort, verschiedene Rituale.


Gerade in diesen kleinen Gesten wird kulturelle Distanz sichtbar. Bis heute gönne ich mir deshalb einen kurzen Moment des Nachdenkens, bevor ich bestelle. Nicht, um den besten Kaffee zu finden, sondern um nicht mit voller Überzeugung den falschen zu bestellen.



Übersetzen heisst verhandeln


Und hier begegnet uns Umberto Eco wieder.


Übersetzen bedeutet nicht, perfekte Entsprechungen zu finden. Übersetzen bedeutet, Entscheidungen zu treffen. Was soll erhalten bleiben?


Die Beziehungsebene?

Die Leichtigkeit?

Die Präzision?


Die einfache Antwort lautet: alles zugleich geht nicht.


Deshalb kann eine wörtliche Übersetzung Erwartungen wecken, die nie beabsichtigt waren. Oder sie wirkt vage, wo das Gegenüber nach Klarheit sucht.


Am Ende geht es längst nicht mehr nur um Kaffee.


Es geht um Zeit. Um Verfügbarkeit. Um die Art, wie wir Beziehungen gestalten.


Zwischen einem Espresso im Stehen und einem gemütlichen Kaffee mit Kuchen liegt nicht nur ein sprachlicher Unterschied. Sondern eine andere Vorstellung davon, wie Nähe entsteht.



Kernaussage

Übersetzen bedeutet nicht nur, Wörter zu übertragen. Es bedeutet auch, die Vorstellungen von Zeit, Nähe und Beziehung zu verstehen, die in ihnen mitschwingen.



Martina Knecht

Text und Bilder © Martina Knecht

Der Artikel ist Teil der Essay-Reihe Quasi la stessa cosa. Kleine Beobachtungen darüber, wie Wörter unsere Welt verändern (2026).





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Einblicke in meine Arbeit an der Schnittstelle von Sprache, Kultur, Gestaltung und Vermittlung


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