Weiterdenken
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Aktualisiert: vor 3 Tagen
Musik, bildende Kunst, Publikationen und Innenarchitektur erzählen von einem gemeinsamen Verständnis von Gestaltung: Es geht nicht darum, abgeschlossene Formen zu schaffen, sondern Bedingungen, unter denen sich Orte, Werke und Menschen weiterentwickeln können.

Im Juli 2026 war ich für einen Arbeitsaufenthalt erneut in Quito. Es gibt Städte, die sich mühelos durchqueren lassen – und andere, die zuerst verlangen, gehört zu werden. Quito gehört zu diesen Städten. Als erste Stadt weltweit wurde sie 1978 in die UNESCO-Liste des Welterbes aufgenommen und bewahrt bis heute eines der am besten erhaltenen historischen Zentren Lateinamerikas. Ihre Strassen erzählen von einer vielschichtigen Geschichte, in der koloniales Erbe mit indigenen Kulturen, präkolumbianischen Wurzeln, zeitgenössischen künstlerischen Praktiken und vielfältigen Ausdrucksformen verbunden ist, durch die die Stadt ihre Identität immer wieder neu hervorbringt. Quito verändert die Art, wie man einen Ort wahrnimmt: Sie lädt dazu ein, zuerst zu beobachten, bevor man interpretiert, und den Kontext zu verstehen, bevor man dem Wahrgenommenen Bedeutung zuschreibt.
Mit der Zeit wurde mir klar, dass Zuhören nicht nur im Umgang mit Orten eine Rolle spielt. Es prägt auch die Art und Weise, wie ich kulturelle Projekte entwickle. Jeder Eingriff entsteht aus einem spezifischen Kontext, aus Beziehungen und Spuren, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. In diesem Zwischenraum zwischen Beobachtung, Interpretation und der Übersetzung verschiedener Ausdrucksformen liegt meine kulturelle Arbeit: ein Weg, der sich vor allem in der Schweiz entwickelt hat und sich durch internationale Kooperationen neuen Kontexten und Perspektiven öffnet.
Es ist kein geradliniger Weg, sondern eine Vielzahl von Erfahrungen aus unterschiedlichen Bereichen, die eine gemeinsame Frage verbindet: Wie kann ein kulturelles Projekt Beziehungen schaffen, ohne die Komplexität der Kontexte zu vereinfachen, aus denen es entsteht? Kulturvermittlung wird dabei zu einer Form des Zuhörens und des Dialogs: zu einem Raum, in dem unterschiedliche Ideen, Menschen und Praktiken zusammenfinden und neue Bedeutungen entstehen können.
Zeichnen als Raum der Begegnung
Ein Wandbild verändert nicht nur eine Wand. Es kann den Blick verändern, den ein Quartier auf sich selbst richtet.
Dieser Ansatz zeigt sich in der Arbeit von Grupo Bananart.ec, einem ecuadorianischen Urban-Art-Projekt, das vom Kulturvermittler Jorge Fernando Manríquez Pozo gegründet wurde. Mit Projekten in Schulen, Institutionen und öffentlichen Räumen bringt das Kollektiv Kunstschaffende, lokale Gemeinschaften und Behörden zusammen, um Prozesse der urbanen Erneuerung anzustossen. Im Laufe der Jahre hat Bananart im ganzen Land über fünfhundert Wandbilder realisiert; allein in Quito wurden zwölf grosse Gebäude in monumentale Kunstwerke verwandelt, die das städtische Erbe mit dem gelebten Alltag der Quartiere verbinden.
Öffentliche Kunst schafft so einen Raum der Begegnung und Vermittlung. Der Wert eines Werkes liegt nicht allein im fertigen Bild, sondern in den Beziehungen, aus denen es hervorgeht: im Austausch mit den Bewohnerinnen und Bewohnern, in der Zusammenarbeit zwischen Kunstschaffenden, in der Auseinandersetzung mit dem Ort und in der gemeinsamen Frage, wie ein Quartier sich selbst erzählen und weiterentwickeln kann. Das Wandbild macht diesen Prozess sichtbar – einen Prozess, der weit über den Moment seiner Entstehung hinaus weiterwirkt.

Diese Form der Zusammenarbeit prägt auch die visuelle Sprache der internationalen Tournee Espacios des José Pino Trio und der Zürcher Kulturinitiative La casa de nadie. Die Originalillustrationen des ecuadorianischen Künstlers Jofer Manpo begleiten die beiden Projekte nicht nur, sondern geben ihnen eine eigene Bildsprache. Sie übersetzen den Dialog zwischen Kunst, Forschung und unterschiedlichen kulturellen Kontexten in eine visuelle Form.
Die gemeinsam mit Bananart entwickelten T-Shirts für beide Projekte werden zu kleinen kulturellen Editionen. Das für Espacios gestaltete Shirt enthält einen QR-Code, der direkt zum Album auf Bandcamp führt. Das physische Objekt wird dadurch zu einer Verbindung zwischen Bild, Musik und digitalem Raum. Illustration, Klang und Material treten in Beziehung und führen die Erzählung über den Moment des Konzerts hinaus weiter.
Illustration, lokale Produktion, musikalischer Inhalt und das fertige Objekt sind Teil desselben kreativen Prozesses. Das T-Shirt hält ein Projekt nicht einfach fest – es trägt seine Geschichte weiter und eröffnet neue Formen der Begegnung.
Vielleicht ist genau das der Aspekt, der sich am schwersten vermitteln lässt. Kultur hinterlässt meist ein erkennbares Ergebnis: ein Wandbild, ein Konzert, ein Buch. Was dahintersteht, bleibt dagegen oft verborgen. Gespräche, Kooperationen, Zweifel und Veränderungen, die eine Arbeit geprägt haben, verschwinden hinter dem fertigen Werk. Und doch entsteht gerade dort, im unsichtbaren Teil des Prozesses, die eigentliche Bedeutung eines Projekts.
Jede Partitur eröffnet eine neue Lesart
Auch die Arbeit des ecuadorianischen Komponisten und Musikers José Pino, der seit mehr als zehn Jahren in der Schweiz lebt, bewegt sich zwischen Kontinuität und Veränderung. Seine Kompositionen verbinden ecuadorianische Volksmusik mit Jazz, elektronischer Musik und zeitgenössischer Klangsprache. Unterschiedliche musikalische Traditionen treten dabei miteinander in Beziehung und bringen neue Ausdrucksformen hervor. Zu den Rhythmen, die seine Arbeit prägen, gehört auch der ecuadorianische Pasillo, der 2021 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde. Für José Pino ist er kein musikalisches Erbe, das bewahrt werden muss, sondern lebendiges Material, das immer wieder neu interpretiert werden kann. Die Tournee durch Ecuador wurde so zu einer Rückkehr in sein Herkunftsland, wo seine in Europa entwickelte künstlerische Arbeit erneut auf den kulturellen Kontext traf, aus dem sie hervorgegangen ist.
Für die Tournee stellte José Pino ein Trio mit zwei Musikern der Jazzszene von Quito zusammen: dem Pianisten Ricardo Subía und dem Schlagzeuger Roberto Morales. Das Repertoire entstand aus dem Zusammenspiel von Komposition und Improvisation. Bei den Konzerten in Quito wurde das Trio zudem von der Geigerin Fernanda Delgado, Mitglied des Orquesta Sinfónica Nacional del Ecuador, ergänzt. So entstand ein weiterer Dialog zwischen zeitgenössischer Komposition, Jazz und orchestraler Praxis.
Während der Konzertreise des José Pino Trio durch Ecuador begleitete ich diesen künstlerischen Prozess fotografisch und filmisch. Die Konzerte zu dokumentieren hiess, zu beobachten, wie dieselbe Musik im Zusammenspiel mit unterschiedlichen Orten, Menschen und Situationen immer wieder eine andere Gestalt annimmt. Fotografien und Videos dokumentieren die Konzerte nicht nur. Sie führen den künstlerischen Prozess auf ihre eigene Weise weiter.
Dasselbe Prinzip zeigt sich auch in der musikalischen Notation. Eine Partitur schliesst ein Werk nicht ab – sie hält Möglichkeiten offen. Jede Aufführung entsteht im Zusammenspiel von Komposition, Interpretation, Raum und Publikum und bleibt dadurch einmalig. Aus dieser Überzeugung heraus entstand Essential Scores, die Editionsreihe von La casa de nadie Editions, in der Lead Sheets zeitgenössischer Komponistinnen und Komponisten erscheinen. Ihre reduzierte Notation lässt Raum für Interpretation und Improvisation, sodass sich die Musik mit jeder Aufführung neu entfalten kann.

Eine Partitur zu veröffentlichen bedeutet deshalb auch, ein Werk bewusst offen zu halten. Die Partitur bewahrt die Komposition – ihre Bedeutung entsteht jedoch immer wieder neu, sobald sie gespielt wird.
Vielleicht ist genau das der Kern meiner kulturellen Arbeit: Bedingungen zu schaffen, unter denen ein Werk immer wieder neu gelesen, interpretiert und weitergedacht werden kann.
Das Erbe bewohnen
Während meines Aufenthalts in Ecuador im Juli 2026 nahm auch ein persönlicheres Projekt Gestalt an.
Die Küche war der erste Raum, den wir erneuert haben.
Die Wahl war bewusst getroffen. Seit jeher bildet die Küche das gemeinsame Zentrum des Hauses und prägt eine Wohnform, die eng mit der Geschichte des Gebäudes verbunden ist. Ihre Anordnung entspricht einer traditionellen Typologie, die an den Hängen von Quito weit verbreitet ist: Gemeinsame Bereiche wie Küche, Innenhof und Waschküche bilden den Mittelpunkt des Hauses, während sich die einzelnen Zimmer mit eigenen Zugängen entlang der Aussentreppe den Hang hinauf anordnen. Diese Struktur ist aus der besonderen Topografie des Ortes entstanden und spiegelt eine Lebensweise wider, in der private Rückzugsorte und gemeinschaftlich genutzte Räume selbstverständlich miteinander verbunden sind.
Die Küche wird damit zum Ausgangspunkt einer grösseren Reflexion über den Umgang mit dem gebauten Erbe.
Der Eingriff setzt nicht auf Erneuerung durch Ersetzen, sondern auf eine behutsame Weiterentwicklung des Bestehenden. Die originalen Böden aus glasierten Terrakottafliesen blieben erhalten; die Innenflächen wurden sorgfältig saniert, abgedichtet und neu gefasst, um den Räumen wieder Qualität und Beständigkeit zu geben, ohne ihre historischen Spuren zu verlieren. Darauf aufbauend fügen sich neue Elemente in eine zurückhaltende zeitgenössische Sprache ein: Weiss, Schwarz, Champagner- und Steintöne prägen die Farbwelt. Minimale Hängeschränke, eine gemauerte Arbeitsfläche, keramische Oberflächen und metallische Details treten zurück und lassen Materialien, Proportionen und die Geschichte des Hauses die Identität des Raumes bestimmen.
Das Projekt ersetzt die Geschichte des Hauses nicht, sondern schreibt sie weiter. Es begleitet seine Veränderung und hält den Raum offen für neue Formen des Wohnens und der Interpretation.
Diese Haltung wird auch die nächste Phase des Projekts prägen: Geplant ist eine leichte Stahl- und Glaskonstruktion, die das Haus erweitert und den bebauten Hang mit dem Innenhof verbindet. Sie schützt die Aussentreppe und schafft Balkone, eine Veranda und helle Arbeitsbereiche, die eine tropische Bepflanzung aufnehmen.
Auch der Innenhof wird Teil dieser Erneuerung. Dort, wo heute Beton den Boden bedeckt, bewahrt die spärliche verbliebene Vegetation noch einzelne Erinnerungen an den ursprünglichen Garten: den alten Cedrón-Baum, den verwachsenen Zitronenbaum mit seinen orangefarbenen Früchten und eine wilde Rose. Diese Pflanzen stehen weiterhin im Austausch mit der umgebenden Landschaft und bieten Schmetterlingen und Kolibris einen Lebensraum. Gleichzeitig lassen sie erahnen, welche ökologische Vielfalt an diesem Ort wieder entstehen könnte. Das Projekt sieht vor, den Garten mit einheimischen Pflanzenarten und einem Gemüsegarten neu zu beleben – und damit die ursprüngliche Verbindung zwischen Architektur, Landschaft und Alltag wiederherzustellen.
Die neue Glasstruktur entsteht auch aus dem Wunsch, den Wohnraum mit den besonderen klimatischen Bedingungen dieser Stadt in Einklang zu bringen: Quito liegt am Äquator und zugleich hoch oben in der Andenkordillere. Die Stadt, nach La Paz eine der höchstgelegenen Metropolen der Welt, erstreckt sich zwischen 2500 und 3500 Metern Höhe. Hier wechseln sich intensive Sonneneinstrahlung am Tag und deutlich kühlere Nächte ab. In einem Umfeld, in dem Heizsysteme in Wohnhäusern kaum verbreitet sind, kann Architektur den Wohnkomfort durch passive Lösungen verbessern. Als zeitgenössisches Gewächshaus konzipiert, speichert die neue Erweiterung tagsüber Wärme und gibt sie langsam an die angrenzenden Räume ab. Diese technische Lösung wird zugleich zu einer architektonischen Haltung: nicht gegen das Klima zu arbeiten, sondern mit ihm.
Der Eingriff steht damit für ein anderes Verständnis von Erbe: nicht als etwas, das unverändert bewahrt werden muss, sondern als eine Ressource, die neue Formen des Lebens ermöglicht. Ein Gebäude erzählt seine Geschichte nur weiter, wenn es bewohnt bleibt.
Ein Quartier beleben
Der Blick richtet sich auf die Zukunft von Chimbacalle.
Heute erzählt das Quartier von einem langsamen Wandel. In den vergangenen Jahrzehnten sind viele Familien weggezogen, Schulen wurden geschlossen und zahlreiche Gebäude warten auf neue Impulse. Gleichzeitig hat gerade diese scheinbare Randlage dazu beigetragen, dass Chimbacalle eine besondere urbane Identität bewahren konnte.
Die Strassen des Quartiers steigen die Hügel hinauf, die Quito umgeben. Aus den steilen Gassen öffnet sich der Blick auf den Panecillo und seine Marienstatue – aus einer Perspektive, in der die Virgen hinter der linken Schulter sichtbar wird und die in den vertrauten Bildern der Stadt kaum erscheint. Wenige Strassenzüge weiter liegen die historische Estación del Ferrocarril de Chimbacalle, heute ohne regulären Bahnbetrieb, aber mit neuen Plänen für eine kulturelle Nutzung, der überdachte Markt, der weiterhin den Rhythmus des Alltags bestimmt, sowie das Teatro México, das nach langer Zeit des Leerstands restauriert wurde und heute wieder Teil des kulturellen Lebens im Süden Quitos ist.
Während unseres Aufenthalts begegneten wir auch einer kleinen Marienprozession, die durch die Strassen des Quartiers zog. Die Statue der Jungfrau, begleitet von einer Blaskapelle und dem Weihrauch, bewegte sich langsam zwischen Geschäften und Wohnhäusern und hielt vor jenen Läden an, die ihr Bild für die traditionelle Segnung aufgestellt hatten. Es waren nur wenige Menschen dabei, doch gerade diese persönliche und gemeinschaftliche Atmosphäre vermittelte etwas von einer alltäglichen Religiosität, die bis heute eng mit dem Leben des Quartiers verbunden ist.
Für José Pino, der in Chimbacalle aufgewachsen ist, brachte diese Prozession eine Erinnerung aus seiner Kindheit zurück. Er denkt an die Fiestas de Quito, als die Feste noch in den einzelnen Quartieren der Stadt verwurzelt waren und nicht in einem zentral organisierten Programm zusammengeführt wurden. Für einige Tage verwandelten sich die Strassen in lebendige Treffpunkte: Mit Bühnen, Musik, Essensständen und zahlreichen Initiativen aus dem Quartier entstanden Orte der Begegnung, an denen Kinder, Familien, Musikerinnen und Musiker den öffentlichen Raum miteinander teilten.
Solche Erinnerungen führen auch zu der Frage, welche Zukunft Chimbacalle haben kann. Nicht als ein Quartier, das durch Tourismus oder Immobilienspekulation umgeformt wird, sondern als eine Gemeinschaft, die aus ihrer eigenen Kultur heraus neue Perspektiven entwickeln kann. Musik, visuelle Kunst, Künstlerresidenzen, kleine Werkstätten und erschwinglicher Wohnraum für Studierende, Forschende und unabhängige Reisende könnten einem noch immer reichen architektonischen und sozialen Erbe neues Leben verleihen. Beispiele wie La Candelaria in Bogotá zeigen, dass die Aufwertung historischer Quartiere mit dem Aufbau einer unabhängigen Kulturszene einhergehen kann – ohne den Bezug zum Alltag der Menschen zu verlieren, die dort leben.
Das Fest ist dabei nicht nur eine Tradition, die bewahrt werden soll, sondern kann auch zu einer Form kultureller Infrastruktur werden. Den öffentlichen Raum durch Konzerte, künstlerische Projekte und Begegnungen wieder zu beleben bedeutet, den Strassen ihre ursprüngliche Funktion zurückzugeben: Orte zu sein, an denen eine Gemeinschaft sich erkennt, sich austauscht und gemeinsam Vorstellungen für ihre Zukunft entwickelt.
Chimbacalle ist ein Quartier, das seine Geschichte Schicht für Schicht weitergeschrieben hat. Handwerklich errichtete Backsteinhäuser stehen neben späteren Eingriffen, das Erbe der Eisenbahn trifft auf neue Kulturorte, und gemeinschaftliche Praktiken prägen den Stadtraum bis heute. Selbst die Dächer erzählen von diesem Wandel. Neben den traditionellen Wellblechdächern findet sich heute das techo español: eine leichte Dachkonstruktion aus Verbundmaterial, die die Form der historischen Kolonialziegel aufnimmt und mit zeitgemässen, erschwinglichen Materialien neu interpretiert.
Die Zukunft Chimbacalles liegt weder in der Gentrifizierung noch in einer musealen Konservierung. Entscheidend ist vielmehr die Erkenntnis, dass kulturelles Erbe, kulturelle Initiativen, privates Engagement und die Qualität des gebauten Raums gemeinsam eine nachhaltige Quartierentwicklung ermöglichen können.
Direkt neben dem Hauseingang lässt sich beobachten, wie wenig es manchmal braucht. Ein kleiner Platz, zweifarbiger Steinbelag, ein junger Baum, neue Sträucher und frisch gestrichene Fassaden verändern die Wirkung eines alltäglichen Ortes – ohne grosse Gesten. Der Eingriff bleibt beinahe unauffällig. Nur das Schild der Stadt mit der Aufschrift «Quito renace» weist auf das Projekt hin. Vielleicht beginnt Stadterneuerung genau so.
Die Altstadt als Lebensraum
Auch die Altstadt von Quito lässt sich unterschiedlich lesen. Galo Benítez zeigt mit seinem Projekt Pata Caliente einen Blick auf das historische Zentrum, der sich bewusst von klassischen Stadtführungen unterscheidet. Statt Sehenswürdigkeiten aneinanderzureihen, führen seine Rundgänge zu Menschen, kleinen Geschäften, Werkstätten und Orten, die im touristischen Blick meist verborgen bleiben. Die Altstadt erscheint nicht als historisches Ensemble, sondern als Quartier, das bis heute vom Alltag seiner Bewohnerinnen und Bewohner geprägt wird.
Mit La Caponata hat Benítez diese Haltung auch räumlich weitergeführt. Das sizilianische Restaurant befindet sich in einem sorgfältig restaurierten Kolonialhaus und ist weit mehr als ein gastronomischer Betrieb. Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und Begegnungen machen das Haus zu einem Ort, an dem Kultur und Alltag selbstverständlich zusammenfinden. Das historische Gebäude dient dabei nicht als Kulisse, sondern bleibt Teil des städtischen Lebens.
Nur wenige Schritte entfernt zeigt die Casa del Marqués, wie historische Bauten heute weiterleben können. Hinter dem Tor öffnet sich ein Innenhof, um den sich Restaurants, kleine Läden, Werkstätten, ein Volkstheater und weitere kulturelle Angebote gruppieren. Wer hier eintritt, erlebt keinen musealen Ort, sondern einen Hof, der selbstverständlich zum Alltag der Altstadt gehört. Die hölzernen Laubengänge, die originalen Fenster, Stuckdecken sowie Böden aus Naturstein und farbigen Keramikplatten erzählen noch immer von der kolonialen Architektur Quitos. Gleichzeitig haben die neuen Nutzungen das Haus wieder zu einem lebendigen Ort gemacht.
Während eines Rundgangs mit Pata Caliente führte uns Galo Benítez durch eine schmale Gasse hinunter zur Plaza Grande und zum Präsidentenpalast. Der Strassenraum wurde dort vor einigen Jahren neu gestaltet – auch auf Anregung der Menschen, die im historischen Zentrum leben und arbeiten. Entlang des Gehwegs wurden Bäume gepflanzt, die heute Fussgängerinnen und Fussgänger von der Fahrbahn trennen. Die Busse rasen zwar weiterhin talwärts, doch sie bestimmen den öffentlichen Raum nicht mehr allein. Für Benítez zeigt sich der Erfolg dieses Eingriffs nicht in Plänen oder Statistiken, sondern im Alltag: den Hund ausführen, Nachbarn begegnen, auf der Plaza sitzen und die Strassen wieder als Orte erleben, an denen sich das gemeinsame Leben abspielt.
Auch die Gastronomie übernimmt in diesem Zusammenhang eine städtebauliche Funktion. Orte, die bis in den Abend belebt bleiben, bringen Menschen zusammen und verändern das Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum. Stadterneuerung beginnt deshalb nicht nur bei den Gebäuden, sondern dort, wo neue Formen des Zusammenlebens entstehen.
Ob in Chimbacalle oder in der Altstadt – immer wieder stellt sich dieselbe Frage: Wie kann sich eine Stadt verändern, ohne den Bezug zu ihren Orten zu verlieren? «Quito renace» – Quito erfindet sich neu – lautet der Slogan, der einem überall in der Stadt begegnet. Er bringt auf den Punkt, worum es bei vielen dieser Projekte geht: Bestehendes nicht zu ersetzen, sondern weiterzudenken.
Städte verändern sich selten durch einen einzigen grossen Wurf. Meist sind es viele kleine Schritte: ein wiederbelebtes Haus, eine Strasse, die den Menschen zurückgegeben wird, ein historisches Gebäude, das eine neue Nutzung erhält. So entsteht Veränderung – nicht auf einmal, sondern nach und nach. Manchmal beginnt die Zukunft einer Stadt nicht mit einem Neubau, sondern damit, dass sie lernt, den Wert des Vorhandenen zu erkennen und es behutsam weiterzuentwickeln.
Voraussetzungen schaffen
Beim Rückblick auf die Projekte dieses Essays überrascht vor allem eines: Wie unterschiedlich sie auf den ersten Blick erscheinen. Ein Konzert, ein T-Shirt, ein Leadsheet, ein Haus – vier sehr verschiedene Formen, in denen ein kulturelles Projekt Gestalt annimmt und weiterlebt. Und doch stellen sie alle dieselbe Frage: Wie kann sich Kultur verändern, ohne den Dialog mit dem zu verlieren, woraus sie hervorgegangen ist?
Zwischen der Schweiz und Ecuador bedeutet kulturelle Vermittlung für mich vor allem, genau hinzusehen, zuzuhören und Zusammenhänge zu erkennen. Es geht nicht darum, Unterschiede aufzulösen oder Entsprechungen zu suchen. Entscheidend ist vielmehr, Beziehungen entstehen zu lassen, die Unterschiede aushalten – und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass daraus ein Dialog entstehen kann.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Aufgabe kultureller Arbeit: nicht endgültige Bedeutungen zu produzieren, sondern Räume offenzuhalten, in denen neue Bedeutungen entstehen können. Denn kein Projekt ist mit seiner Fertigstellung abgeschlossen. Es lebt weiter – in den Interpretationen, die es ermöglicht, in den Orten, die es verändert, und in den Beziehungen, die daraus entstehen.
Martina Knecht
Quito, Juli 2026
Text und Bilder © Martina Knecht
Weiterführende Informationen
José Pino
Ecuadorianischer Komponist, Musiker und Produzent mit Sitz in der Schweiz. Seine Kompositionen verbinden lateinamerikanische Musik, Jazz, elektronische und elektroakustische Klänge sowie zeitgenössische Ansätze zu einer musikalischen Sprache, die kulturelle Grenzen überschreitet.
Espacios hören
Das 2026 erschienene Album Espacios versammelt Originalkompositionen von José Pino, die aus seinem künstlerischen Weg zwischen China, der Schweiz und Ecuador hervorgegangen sind. Das Album ist auf Bandcamp als Stream und Download verfügbar.
La casa de nadie
Unabhängige Kulturplattform mit Sitz in Zürich, die künstlerische Produktion und kulturelle Vermittlung durch Konzerte, audiovisuelle Projekte, Publikationen und internationale Kooperationen verbindet.
La casa de nadie Editions
Die Editionsreihe Essential Scores veröffentlicht Partituren zeitgenössischer Komponist. Die Ausgaben verstehen sich als offene Werkzeuge für neue Interpretationen und ermöglichen es Musik, über den Moment der Aufführung hinaus weiterzuwirken.
La casa de nadie Boutique
Partituren aus der Reihe Essential Scores sowie illustrierte T-Shirts, die aus der Zusammenarbeit mit Grupo Bananart.ec entstanden sind.
Grupo Bananart.ec
Ecuadorianisches Kollektiv für urbane Kunst, das Murals, Interventionen im öffentlichen Raum und Projekte zur Erneuerung urbaner Räume entwickelt – gemeinsam mit Künstler, Schulen, Institutionen und lokalen Gemeinschaften.
UNESCO – Pasillo, gesang und Poesie
2021 wurde der ecuadorianische Pasillo in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. Die Auszeichnung würdigt seine Bedeutung für die kulturelle Erinnerung und Identität Ecuadors.
Quito – UNESCO Welterbe
1978 wurde Quito als eine der ersten Städte weltweit in die UNESCO-Liste des Welterbes aufgenommen. Ausschlaggebend war die aussergewöhnliche Erhaltung seines historischen Zentrums.
Mehr von Martina Knecht
Einblicke in meine Arbeit an der Schnittstelle von Sprache, Kultur, Gestaltung und Vermittlung

